von Dr. Gerhard Karg

Die professionelle Schadnagerbekämpfung in Deutschland steht vor einer der größten Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Mit dem Auslaufen der befallsunabhängigen Dauerbeköderung (BUD) wird eine Methode verschwinden, die lange Zeit als Standard in vielen Präventionskonzepten galt. Spätestens ab Juli 2027 wird die vorbeugende Ausbringung von Rodentizidködern ohne konkreten Befallsnachweis nicht mehr zulässig sein.
Die Entscheidung basiert auf dem Ziel, den Einsatz von Antikoagulanzien zu reduzieren und Risiken für Nichtzielorganismen, Greifvögel und andere Wildtiere zu minimieren. Aus Sicht des Umwelt- und Artenschutzes ist dieser Schritt nachvollziehbar. Gleichzeitig stellt er die Schädlingsbekämpfungsbranche, die Lebensmittelwirtschaft, die Logistikbranche, die Landwirtschaft und viele weitere Bereiche vor erhebliche Herausforderungen.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Diskussion innerhalb Europas keineswegs einheitlich geführt wird. Während Deutschland einen sehr restriktiven Weg einschlägt, sehen andere EU-Mitgliedstaaten die Situation differenzierter. Insbesondere in Ländern wie Polen und Rumänien wird die präventive Beköderung weiterhin als wichtiger Bestandteil eines wirksamen Risikomanagements betrachtet. Dort wird argumentiert, dass die Kosten und Risiken eines unbeobachteten Nagerbefalls die potenziellen Nachteile einer kontrollierten Präventivbeköderung übersteigen können. Diese unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dass es innerhalb Europas keine einheitliche Bewertung der optimalen Strategie zur Schadnagerkontrolle gibt.
Vom Bekämpfen zum Überwachen
Die größte Veränderung besteht darin, dass sich der Schwerpunkt der Arbeit künftig deutlich verschieben wird. Über viele Jahre beruhte die Prävention häufig auf einem vergleichsweise einfachen Prinzip: Köderstationen wurden installiert, regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf nachgefüllt. Dieses System hatte Schwächen, bot aber gleichzeitig eine gewisse Sicherheit, da ein Nagerbefall oft bereits in einem sehr frühen Stadium erkannt oder verhindert wurde.
Künftig wird die Früherkennung die zentrale Rolle übernehmen. Das bedeutet mehr Monitoring, mehr Inspektionen und mehr Analyse. Statt Giftködern werden an vielen Standorten ungiftige Monitoringköder, mechanische Fallen, digitale Sensorsysteme und visuelle Kontrollpunkte eingesetzt werden müssen.
Die Zahl der Kontrollpunkte dürfte in vielen Betrieben sogar steigen. Während eine Köderstation bisher gleichzeitig der Überwachung und Bekämpfung diente, werden künftig oftmals zusätzliche Monitoringpunkte notwendig sein, um dieselbe Aussagekraft zu erreichen. Insbesondere in großen Logistikzentren, Produktionsstätten oder weitläufigen Außengeländen wird dies einen erheblichen Mehraufwand verursachen.
Steigende Nagerpopulationen – ein realistisches Risiko?
Eine der meistdiskutierten Fragen lautet: Wird der Wegfall der Dauerbeköderung zu einer Zunahme der Nagerpopulationen führen?
Eine seriöse Antwort kann derzeit niemand mit Sicherheit geben. Allerdings sprechen zahlreiche praktische Erfahrungen dafür, dass Befälle künftig häufiger erst dann erkannt werden könnten, wenn bereits eine Population aufgebaut wurde.
Ratten und Mäuse verfügen über eine enorme Reproduktionsfähigkeit. Unter günstigen Bedingungen können sich Populationen innerhalb weniger Monate vervielfachen. Wo bislang präventive Beköderungen einen gewissen Schutzschirm bildeten, könnten Befälle künftig unbemerkt bleiben, bis erste Schäden sichtbar werden.
Besonders gefährdet sind Standorte mit dauerhaft hohem Befallsdruck:
· Lebensmittelbetriebe
· Häfen und Umschlagzentren
· Recyclinganlagen
· Landwirtschaftliche Betriebe
· Futtermittelhersteller
· Logistikzentren
· Kommunale Einrichtungen
An solchen Standorten kann bereits eine kurze Verzögerung bei der Befallserkennung erhebliche Auswirkungen haben. Neben direkten Schäden durch Fraß und Verunreinigung drohen Produktionsunterbrechungen, Reklamationen, Auditabweichungen und Imageschäden.
Das Ende der „Dosenöffner“
Die neue Situation wird auch das Berufsbild des Schädlingsbekämpfers nachhaltig verändern.
Kritiker haben in der Vergangenheit gelegentlich von „Dosenöffnern“ gesprochen – Dienstleistern, deren Tätigkeit sich weitgehend auf das Öffnen von Köderstationen, das Prüfen von Köderverlusten und das Nachlegen von Ködern beschränkte.
Dieses Modell wird künftig nicht mehr funktionieren.
Der moderne Schädlingsbekämpfer muss deutlich mehr leisten:
· Risikoanalysen erstellen
· Befallsursachen erkennen
· Gebäudeschwachstellen identifizieren
· Monitoringkonzepte entwickeln
· Daten aus digitalen Systemen auswerten
· Präventionsmaßnahmen planen
· Kunden beraten und schulen
Die Tätigkeit wird dadurch anspruchsvoller, aber auch professioneller. Fachwissen, Erfahrung und analytische Fähigkeiten werden deutlich wichtiger als bisher
Mehr Aufwand für Kunden
Die Veränderungen betreffen jedoch nicht nur die Schädlingsbekämpfer selbst. Auch die Kunden werden künftig stärker in die Verantwortung genommen.
Ein wirksames Nagerpräventionsprogramm kann nur funktionieren, wenn die betrieblichen Voraussetzungen stimmen. Dazu gehören:
· Sauberkeit und Ordnung
· Professionelles Abfallmanagement
· Schnelle Beseitigung von Baumängeln
· Abdichtung von Gebäuden
· Kontrolle von Lieferungen
· Schulung der Mitarbeiter
Viele Betriebe werden ihre internen Prozesse anpassen müssen. Die Zeiten, in denen Schädlingsbekämpfung vollständig an einen Dienstleister ausgelagert werden konnte, könnten zunehmend der Vergangenheit angehören.
Gerade in der Lebensmittelindustrie wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Qualitätsmanagement, Technik, Hygieneabteilung und Schädlingsbekämpfer erforderlich sein
Höherer Personalbedarf in der gesamten Branche
Ein weiterer möglicher Effekt ist ein steigender Personalbedarf.
Monitoring und Prävention sind deutlich arbeitsintensiver als das reine Kontrollieren von Köderstationen. Wo früher ein Techniker innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Stationen prüfen konnte, werden künftig umfangreichere Inspektionen notwendig sein.
Dies betrifft sowohl die Schädlingsbekämpfungsunternehmen als auch die Kundenbetriebe.
Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern mit Fachkenntnissen über Nagerbiologie, Gebäudeschutz, Hygiene und Risikobewertung dürfte in den kommenden Jahren steigen. Gleichzeitig wird die Ausbildung und Weiterbildung von Fachpersonal an Bedeutung gewinnen.
Digitalisierung als Teil der Lösung
Viele Unternehmen werden versuchen, den zusätzlichen Aufwand durch moderne Technologien auszugleichen.
Digitale Monitoring-Systeme ermöglichen bereits heute die Fernüberwachung von Fallen und Kontrollpunkten. Sensoren können Aktivitäten melden, bevor Mitarbeiter vor Ort sein müssen. Dadurch lassen sich Ressourcen gezielter einsetzen.
Allerdings können digitale Systeme den Menschen nicht ersetzen. Sie liefern Daten, die Interpretation dieser Daten und die Umsetzung geeigneter Maßnahmen bleiben jedoch Aufgaben qualifizierter Fachkräfte.
Umweltvorteile und praktische Herausforderungen
Befürworter der neuen Regelung verweisen zu Recht auf die Umweltvorteile. Weniger Rodentizide bedeuten weniger Risiken für Greifvögel, Eulen, Füchse, Marder und andere Tiere, die indirekt mit den Wirkstoffen in Kontakt kommen können.
Gleichzeitig darf jedoch nicht übersehen werden, dass eine wirksame Schadnagerkontrolle ein zentraler Bestandteil des Gesundheits- und Verbraucherschutzes ist. Ratten und Mäuse
übertragen Krankheitserreger, beschädigen Infrastruktur und verursachen jedes Jahr erhebliche wirtschaftliche Schäden.
Die Herausforderung der kommenden Jahre wird deshalb darin bestehen, ein Gleichgewicht zwischen Umwelt- und Gesundheitsschutz zu finden.
Fazit
Der Wegfall der befallsunabhängigen Dauerbeköderung markiert einen tiefgreifenden Wandel in der deutschen Schädlingsbekämpfung. Die Branche wird sich von einer stark köderorientierten Arbeitsweise hin zu einem deutlich komplexeren Präventions- und Monitoringansatz entwickeln müssen.
Ob die neue Regelung langfristig zu einer besseren Balance zwischen Umweltschutz und wirksamer Nagerkontrolle führt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist jedoch schon heute, dass die Anforderungen an Schädlingsbekämpfer und Kunden steigen werden.
Mehr Fachwissen, mehr Kontrollen, mehr Dokumentation, mehr Prävention und mehr Zusammenarbeit werden künftig erforderlich sein. Die Zeit standardisierter Kontrollrunden und reiner Köderkontrollen geht zu Ende. Gefragt sind zunehmend Experten, die Risiken erkennen, Zusammenhänge verstehen und individuelle Lösungen entwickeln können.
Die Zukunft der Schadnagerbekämpfung wird damit anspruchsvoller – aber auch professioneller.

Welche Aspekte würden Sie noch hinzufügen, starten Sie gern in den Kommentaren eine Diskussion.
Durch Einsatz von 100g Nontoxködern zum Monitoring mache ich den Nagern die Umgebung erstmal attraktiver und füttere auch noch den Nachwuchs.
Ich bin fast 40 Jahre als SBK ler unterwegs und wüsste vielleicht noch Alternativen.
Wir sollten uns allerdings auch darüber im Klaren sein dass durch die BUD auch Nichtzieltiere wie Waldmäuse und ähnliche bekämpft wurden.
Sekundärvergiftungen von Raubvögeln und anderen Tieren sind belegt und nicht von der Hand zu weisen.
Moin!
Vielen Dank für den Beitrag. Ich bin mir sicher, dass es zu jedem Kunden und Branche eigene Lösungsansätze geben muss. Die Schädlingsbekämpfer müssen sich heute neu aufstellen und nach neuen Lösungen suchen. Ich nehmer gern Ihre Alternativen mit in die Diskussion auf.
Freue mich da auf einen regen Austausch!
Michael Prior
Moin moin aus dem schönen Thailand.
Ich war 8 Jahre in der Branche tätig, und bin gespannt wie es sich im gesamten entwickeln wird.
Das größte Problem was kommen wird ist, den Nachwuchs für die Schädlingsbekämpfung Branche zu finden.